Verschlungene Wege

Einblicke in das Leben mit Colin (Name geändert)., frühkindlicher Autist, 15 Jahre

Ich wache auf und habe das dumpfe Gefühl gerade erst eingeschlafen zu sein. Mein Blick auf den Wecker verrät, dass meine Wahrnehmung stimmt: es ist zwei Uhr morgens. Ich bin von der Zimmertür aufgewacht, die geöffnet wurde und von dem Licht, das grell blendet. Auch mein Mann neben mir ist wach, fast immer wacht er vor mir auf und wird mir später sagen, dass Colin schon zwei Mal vorher da war. Leise betritt dieser den Raum. Lautlos, fast rücksichtsvoll, geht er in die Knie und rückt meinen Schreibtisch beiseite. Dann klettert er darunter, übersteigt eine der Querstreben an der Seite und umrundet das Tischbein im Uhrzeigersinn. Danach greift er nach einem Buch, das auf dem Schreibtisch liegt und lässt das Buch mit den Händen denselben Weg nehmen, den er selbst gerade zurückgelegt hat: Unter den Tisch, über die Querstrebe, im Uhrzeigersinn um das Tischbein herum. Denselben Weg nimmt dann der dicke Ordner mit den Kontoauszügen, den er aus dem Regal holt und danach auch wieder ordentlich zurückstellt. Das Licht geht wieder aus, die Tür wird geschlossen.

Ich höre seine Schritte auf der Treppe und kenne den Weg, den er dort jetzt zurücklegt: Ins Wohnzimmer, unter den Couchtisch, von dort unter den Sessel, an der Lampe vorbei. Dann greift er nach ein paar Klaviernoten oder einer Pflanze auf dem Hocker und lässt beides unter den Hocker wandern und das Stuhlbein umrunden. Sein Weg führt ihn in die Küche und danach in den Wintergarten. Dort ist es die große Pflanze, die er mühsam vom Fensterbrett hebt und um das Tischbein herumschiebt. Dann höre ich die Toilettenspülung und freue mich: Es ist gut, wenn er selbständig nachts zur Toilette geht und seit einiger Zeit können wir auch nachts wieder die Windel weglassen. Nach einer Weile, etwa eine halbe Stunde oder Stunde später, kommt er wieder in unser Zimmer und alles geht von vorne los. Sein Weg ist immer derselbe, auch der des Buches und wieder des Ordners mit den Kontoauszügen. Ich schlafe wieder ein, wache gegen vier Uhr noch einmal auf und dann erst wieder um halb sechs. Dann stehe ich auf. Mein Weg führt an den einzig sinnvollen Ort zu dieser Uhrzeit: An die Kaffeemaschine. Auf dem Weg dahin stoße ich auf Spuren der Plünderung: Kekskrümel, ein angebissener Apfel, Bonbonpapier – Colin war nie ein diplomatischer Dieb, der es nötig gehabt hätte Spuren zu beseitigen.

Brennt abends eine Kerze auf dem Couchtisch, nimmt er auch diese und lässt sie um ein Tischbein herumwandern. Gern auch volle Teetassen, Teller, Blumenvasen. Im Bad macht er den Duschhahn kurz auf und wieder zu. Danach wird die Zahnpastatube einmal unter dem Waschbecken entlanggeführt. Nach dem Toilettengang werden die Hände gewaschen. Danach wird die Seife genommen und nach draußen getragen, einmal um das Treppengeländer herumgeführt und wieder zurückgebracht.

Alles dauert sehr lange, wenn wir losmüssen, da für Colin so viele Dinge noch ausgeführt und zu Ende gebracht werden müssen. Unterbreche ich sie, handele ich mir einen zutiefst unglücklichen 15jährigen ein, der unter Umständen lange weint oder mich in die Seite boxt. Gemeinsame Aktivitäten wie Puzzle legen oder ein Buch ansehen, müssen von uns in seinen Ablauf integriert werden: An guten Tagen schaffen wir ein Puzzle innerhalb einer halben Stunde, an schlechten kann es sehr lange dauern.

Für uns daheim sind diese Runden schwer zu verstehen, aber sie gehören zu Colin und meistens lassen wir es dabei bewenden. Er braucht seine Rituale und Strukturen, vielleicht um sich zu beruhigen oder innere Spannungen abzubauen. Für die Schule dagegen ist es ein Herausforderung,  in der Öffentlichkeit kann es schwierig werden. Wir stoßen auf schräge Blicke, Unverständnis, Ungeduld. Beim Einkaufen, auf Parkplätzen, in Fußgängerzonen: Colin, inzwischen fast ein junger Mann, zieht seine Schuhe und Strümpfe aus, lässt diese um einen Laternenpfahl herumwandern, zieht sie wieder an und wiederholt dies alle hundert Meter. Schnee und Regen hindern ihn nicht daran, bei schlechtem Wetter bleiben wir daheim. Er wird laut, wenn ich ihn unterbreche oder dränge. Wege dauern lange, Parkbänke werden unterquert, parkende Autos umrundet. Jeder Weg hat sein eigenes Ornament inne, das er nur selbst versteht.